Es ist Herbst geworden. Mit den kürzeren Tagen verbringen wir wieder mehr Zeit in den Räumen, die uns umgeben. Das Licht verschiebt sich, der Morgen beginnt langsamer und unser Zuhause gewinnt an Gewicht. Ich nehme es in diesen Wochen deutlicher wahr als sonst.
Unsere Wohnung würde ich auf den ersten Blick nicht als besonders bezeichnen. Manchmal nenne ich das Gebäude einen modernen Betonklotz, sachlich und zurückhaltend. Und doch gibt es uns viel. Es ist trocken und warm, die großen Fenster lassen Licht herein, der Balkon zeigt auf den Bach und die Abläufe des Alltags funktionieren. Bevor wir hierherzogen, lebten wir auf einem Bauernhof, wo es im Winter von der Decke tropfte und wir uns die Räume mit Mäusen teilten. Ich kenne den Unterschied. Was diese Wohnung uns vor allem gibt, ist Entlastung. Auch das, habe ich gelernt, wirkt atmosphärisch.
An den Tag, an dem meine Tochter Linnea geboren wurde, erinnere ich mich über einen Klang. Erschöpft und glücklich kamen wir nach Hause, ich legte mich mit ihr ins Bett und aus dem Nachbarhaus war ein Klavierstück zu hören. Ich stillte und schlief ein. Seitdem löst dieses Klavier jedes Mal ein bestimmtes Gefühl in mir aus. Der Klang selbst ist derselbe geblieben. Was sich verändert hat, ist das, was ich mitbringe, wenn ich ihn höre.
Vielleicht beginnt hier, worum es mir geht. Was wir als Atmosphäre eines Raumes erleben, entsteht nicht erst im Raum. Es geht aus einer Begegnung hervor. Atmosphäre bildet sich im Zusammenspiel zwischen Mensch und Raum. Sie hat darum zwei Seiten. Eine äußere, geprägt von Licht, Material, Klang und Maßstab. Und eine innere, geprägt von dem, was ein Mensch an früherer räumlicher Erfahrung in sich trägt.
Der Schweizer Architekt Peter Zumthor beschreibt Atmosphäre als etwas, das über Material, Licht, Klang und Temperatur unmittelbar wirkt und eine Gesamtwirkung erzeugt, die wir spüren, bevor wir sie erklären können. Das Klavier aus dem Nachbarhaus erklärt mir nichts. Es wirkt, lange bevor ich darüber nachdenke. Und es wirkt, weil ich ihm etwas entgegenbringe.
Diese innere Seite beschäftigt mich. Ich nenne sie den inneren Raum und verstehe ihn als bildhafte Beschreibung eines Teils unserer Persönlichkeit, der aus frühen Raumerfahrungen hervorgeht. Gemeint sind Gefühle, Bedürfnisse und Reaktionsweisen, die wir in der Kindheit und im späteren Leben ausbilden und die uns bis heute begleiten. Vieles davon entsteht, lange bevor wir bewusst darüber nachdenken oder es in Worte fassen können. Es zeigt sich später eher indirekt, in dem, was uns Sicherheit gibt und worauf wir uns zurückziehen, wenn wir zur Ruhe kommen wollen.
Nicht ohne Grund lehnt sich der Begriff an den des inneren Kindes an. Beide richten den Blick auf etwas Frühes, das in uns weiterlebt. Der innere Raum ist dabei so verschieden wie wir Menschen verschieden sind. Er entsteht aus den Wohnungen, Häusern und Zimmern, durch die ein Leben führt, aus ihren Grundrissen und ihrem Licht, aus ihren Geräuschen und aus dem, was wir in ihnen erlebt haben. Manche dieser Räume habe ich längst vergessen. Gewirkt haben sie trotzdem.
Der innere Raum ist kein realer Raum. Er ist eine bildhafte Beschreibung bereits erworbener räumlicher Erfahrungen, die unser Erleben bis heute beeinflussen, oft ohne dass wir es bemerken. Er beschreibt eine Struktur, die in Begegnungen wirksam wird. Wenn mich ein Klavierklang an die ersten Stunden mit meiner Tochter erinnert, dann ist es dieser innere Raum, der antwortet.
Mit dieser Idee bin ich nicht allein. Der französische Philosoph Gaston Bachelard untersucht in seiner Poetik des Raumes, wie wir Innenräume wahrnehmen und was sie in uns auslösen. Unser Unbewusstes, schreibt er, sei einquartiert. Weil unser Inneres weitgehend in Innenräumen geprägt wurde, habe es selbst die Form solcher Räume angenommen. Ich finde dieses Bild treffend. Es beschreibt, warum frühe Wohnräume in uns weiterwirken, obwohl wir sie längst verlassen haben. Und warum wir einen neuen Raum nie ganz unvoreingenommen betreten.
Damit verschiebt sich auch, was das Wort Ort bedeutet. Ein Ort ist etwas, das vertraut geworden ist. Er entsteht dort, wo wir uns auskennen, wo wir wiederholt handeln, wo Bedeutungen und Routinen gewachsen sind. Was uns neu umgibt, ist zunächst kein Ort. Es ist eine Umgebung, in der wir uns noch nicht auskennen und zu der noch keine Beziehung besteht.
Für meine Familie ist diese Unterscheidung keine abstrakte Frage. Wir stehen vor einem freiwilligen Umbruch, einem Wechsel ans andere Ende der Welt. Wenn wir gehen, bleibt vom äußeren Raum zunächst sehr wenig. Die Wohnung kommt nicht mit, der Bach vor dem Balkon nicht und das Klavier aus dem Nachbarhaus werde ich an einem anderen Ort nicht hören.
Was bleibt, ist der innere Raum. Er trägt die vergangenen Wohnräume in sich weiter und wirkt auch dann fort, wenn der äußere Ort sich verändert oder ganz wegfällt. In seiner Begegnung mit neuen Räumen entscheidet sich, ob Atmosphäre Halt gibt oder ob sie erst neu entstehen muss.
Vielleicht ist das ein Anfang. Wenn der innere Raum das ist, was bleibt, dann lohnt es sich, ihn kennenzulernen, solange der vertraute Ort noch um uns ist. Ich möchte verstehen, aus welchen Räumen ich gemacht bin, bevor ich sie verlasse. Welche davon haben mir Halt gegeben? Und welche möchte ich weitertragen in das, was kommt?